Rehabilitationssport und Funktionstraining werden auf demselben Formular beantragt und in derselben Rahmenvereinbarung geregelt. Sie werden deshalb oft verwechselt, auch von Menschen, die schon eine Verordnung in der Hand halten. Beides sind ergänzende Leistungen zur Rehabilitation nach § 64 Absatz 1 SGB IX. Nummer 3 nennt den Rehabilitationssport, Nummer 4 das Funktionstraining. Was im Einzelnen dazugehört, regelt die Rahmenvereinbarung über den Rehabilitationssport und das Funktionstraining der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR). Die geltende Fassung trägt den Stand 26. November 2021. Sie ist am 1. Januar 2022 in Kraft getreten und hat die Vereinbarung von 2003 in der Fassung von 2011 abgelöst. Eine neuere Gesamtfassung gibt es Stand Juli 2026 nicht.
Das Ziel trennt die beiden Leistungen
Der Rehabilitationssport soll nach Ziffer 2.2 Ausdauer und Kraft stärken sowie Koordination und Beweglichkeit verbessern. Er arbeitet mit Sport, sportlich ausgerichteten Spielen und bewegungstherapeutischen Übungen. Wer teilnimmt, muss beweglich und belastbar genug sein, um in der Gruppe zu üben.
Das Funktionstraining hat ein engeres Ziel. Nach Ziffer 3.2 sollen Funktionen erhalten und verbessert werden. Es soll hinauszögern, dass einzelne Organsysteme und Körperteile ihre Funktion verlieren, Schmerzen lindern und die Bewegung verbessern. Dafür arbeitet es mit den Mitteln der Krankengymnastik und der Ergotherapie. Die Ergotherapie übt Tätigkeiten und Bewegungen, die man im Alltag braucht. Das Funktionstraining wirkt gezielt auf einzelne Strukturen des Körpers, also auf bestimmte Muskeln und Gelenke. Vereinfacht gesagt: Der Rehabilitationssport setzt am ganzen Menschen an, das Funktionstraining am einzelnen Gelenk.
Wer was bekommt
Rehabilitationssport steht grundsätzlich allen Menschen mit einer Behinderung oder einer drohenden Behinderung offen, unabhängig vom Krankheitsbild. Für bestimmte Gruppen sieht die Rahmenvereinbarung eigene Angebote vor. Dazu gehören Herzgruppen und Herzinsuffizienzgruppen mit ärztlicher Betreuung oder kleinere Gruppen für Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen.
Beim Funktionstraining ist der Kreis deutlich enger. Ziffer 3.1 nennt ausdrücklich Erkrankungen und Funktionseinschränkungen des Stütz- und Bewegungsapparats. Im Alltag geht es um rheumatische Erkrankungen und um muskuloskelettale Erkrankungen, also Erkrankungen von Muskeln, Knochen und Gelenken. Die Rahmenvereinbarung nennt rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis, schwere Polyarthrosen, Kollagenosen, Fibromyalgie-Syndrome und Osteoporose beim Namen. Das Merkblatt der Deutschen Rheuma-Liga für Ärztinnen und Ärzte hält dazu einen Punkt fest, der oft untergeht. Funktionstraining ist etwas anderes als Krankengymnastik einzeln oder in der Gruppe, die als Heilmittel nach dem Heilmittelkatalog verordnet wird. Es zählt zu den ergänzenden Leistungen und belastet deshalb nicht das Heilmittelbudget der Arztpraxis.
Wer die Gruppe anleitet
Bei der Anleitung ist der Unterschied am deutlichsten. Beim Rehabilitationssport müssen nach Ziffer 12.1 Übungsleiterinnen und Übungsleiter die Übungen leiten, die eine besondere Qualifikation nachweisen. Maßstab sind die Qualifikationsanforderungen Übungsleiter/-in Rehabilitationssport. Sie sind nach Angaben des Verbands der Ersatzkassen am 1. Januar 2020 in Kraft getreten.
Beim Funktionstraining kommen nach Ziffer 13.1 vor allem Physiotherapeutinnen und -therapeuten sowie Ergotherapeutinnen und -therapeuten in Frage. Sie brauchen eine spezielle Fortbildung für rheumatische Erkrankungen und Osteoporose, die auch Wasser- und Atemgymnastik umfasst. Nach Ziffer 13.2 können auch andere qualifizierte Therapeutinnen und Therapeuten die Gruppe leiten, ebenso Übungsleitende mit der Rehasport-Qualifikation im Bereich Orthopädie. Zusätzlich verlangt Ziffer 13.4 eine anerkannte Zusatzausbildung.
Wie diese Zusatzausbildung aussieht, legen die Qualifikationsanforderungen Leitung Funktionstraining der BAR vom 1. August 2024 fest. Physio- und Ergotherapeutinnen und -therapeuten brauchen mindestens 15 Lerneinheiten. Bei anderen Grundqualifikationen, bei denen mehr nachzuholen ist, sind es 30 Lerneinheiten. Die Bescheinigung gilt vier Jahre, und in dieser Zeit müssen mindestens zehn Lerneinheiten Fortbildung nachgewiesen werden. Der vdek weist darauf hin, dass die Übergangsfrist bis zum 30. Juni 2026 verlängert wurde. Seit dem 1. Juli 2026 gelten die Anforderungen also ohne Einschränkung.
Bei der Gruppengröße gibt es keinen Unterschied. Vorgesehen sind höchstens 15 Teilnehmende je Übungsleitung beziehungsweise je Therapeutin oder Therapeut.
Umfang und Dauer werden verschieden gemessen
Rehabilitationssport wird in Übungseinheiten bewilligt, Funktionstraining in Monaten. In der gesetzlichen Krankenversicherung liegt der Richtwert für den Rehabilitationssport bei 50 Übungseinheiten innerhalb von 18 Monaten. Bei 16 Erkrankungen, die in der Vereinbarung beim Namen genannt sind, sind 120 Übungseinheiten in 36 Monaten möglich. Dazu gehören etwa Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Muskeldystrophie, COPD und Nierenversagen mit Dialyse. Für Herzgruppen gelten 90 Übungseinheiten in 24 Monaten, bei einer Folgeverordnung 45 Übungseinheiten in zwölf Monaten.
Für das Funktionstraining nennt Ziffer 4.4.3 einen Richtwert von zwölf Monaten, bei den oben genannten schweren rheumatischen Erkrankungen 24 Monate. Alle diese Zahlen sind ausdrücklich Richtwerte. Nach einer Prüfung im Einzelfall kann davon abgewichen werden.
Zahlt die Rentenversicherung, gelten für beide Leistungen dieselben Grenzen, in der Regel bis zu sechs Monate, längstens zwölf. Diesen Weg gibt es allerdings nur im Anschluss an eine medizinische Rehabilitation, die die Rentenversicherung selbst erbracht hat. Die Notwendigkeit muss schon während dieser Reha ärztlich festgestellt worden sein, und Sie müssen innerhalb von drei Monaten nach deren Ende mit der Teilnahme beginnen. Für gesetzlich Krankenversicherte gilt diese Drei-Monats-Frist nicht. In der gesetzlichen Unfallversicherung ist die Dauer grundsätzlich nicht begrenzt, die Verordnung wird dort jeweils für ein halbes Jahr ausgestellt.
Die Unterschiede im Überblick
| Merkmal | Rehabilitationssport | Funktionstraining |
|---|---|---|
| Rechtsgrundlage | § 64 Abs. 1 Nr. 3 SGB IX | § 64 Abs. 1 Nr. 4 SGB IX |
| Ziel | Ausdauer, Kraft, Koordination, Flexibilität, Hilfe zur Selbsthilfe | Funktionen erhalten, Funktionsverluste hinauszögern, Schmerz lindern |
| Mittel | Sport, sportlich ausgerichtete Spiele, bewegungstherapeutische Inhalte | Krankengymnastik und Ergotherapie, gezielt auf einzelne Strukturen |
| Angebotsformen | Gymnastik (auch im Wasser), Ausdauer- und Kraftausdauerübungen, Schwimmen, Bewegungsspiele | Trockengymnastik, Wassergymnastik |
| Typische Indikation | jede Behinderung oder drohende Behinderung; eigene Herzgruppen | Stütz- und Bewegungsapparat, rheumatische und muskuloskelettale Erkrankungen |
| Anleitung | Übungsleiterin oder Übungsleiter mit Qualifikationsnachweis | vor allem Physio- und Ergotherapie mit spezieller Fortbildung und Zusatzausbildung |
| Umfang GKV (Richtwert) | 50 Übungseinheiten in 18 Monaten | zwölf Monate |
| Erweiterter Umfang (Richtwert) | 120 Übungseinheiten in 36 Monaten; Herzgruppen 90 in 24 Monaten | 24 Monate bei schweren rheumatischen Erkrankungen |
| Dauer je Termin | mindestens 45 Minuten, in Herzgruppen 60 Minuten | mindestens 30 Minuten Trocken-, 20 Minuten Wassergymnastik |
| Termine pro Woche | bis zu zwei, mit besonderer Begründung höchstens drei | bis zu zwei, mit besonderer Begründung höchstens drei |
| Gruppengröße | höchstens 15 je Übungsleitung | höchstens 15 je Therapeutin oder Übungsleitung |
| Verordnungsformular | Muster 56 | Muster 56 |
Der Weg zur Verordnung ist derselbe
Beide Leistungen laufen über den Vordruck Muster 56 „Antrag auf Kostenübernahme für Rehabilitationssport/
Wie Sie das Formular Schritt für Schritt durch die Kasse bringen, lesen Sie in den beiden ausführlicheren Artikeln zum Formular 56 im Rehasport und zur Verordnung von Funktionstraining.
Wer die Kosten trägt
Es zahlt der Rehabilitationsträger, der im Einzelfall zuständig ist. Das kann die gesetzliche Krankenversicherung sein, die Unfallversicherung, die Rentenversicherung oder die Alterssicherung der Landwirte. Der Träger rechnet direkt mit der Gruppe ab. Sie als Teilnehmerin oder Teilnehmer bekommen keine Rechnung.
Ziffer 16.5 regelt das eindeutig. Nach § 31 SGB I ist es unzulässig, neben der Vergütung des Rehabilitationsträgers Zuzahlungen, Eigenbeteiligungen oder Vorauszahlungen zu fordern, und nach § 32 SGB I sind abweichende Vereinbarungen unwirksam. Solange die Verordnung läuft, müssen Sie nicht Mitglied in der Gruppe oder im Verein werden. Sportbekleidung und Sportschuhe zahlen Sie selbst, die Trainingsgeräte stellt die Gruppe.
Ob Sie beides gleichzeitig bekommen können
Auf einem einzigen Formular geht das nicht. Die KBV-Erläuterungen halten fest, dass Rehabilitationssport und Funktionstraining nicht gleichzeitig auf einem Vordruck beantragt werden können. Sie bräuchten also zwei Verordnungen und zwei Genehmigungen. Ein ausdrückliches Verbot, beide Leistungen nebeneinander zu bekommen, enthält die Rahmenvereinbarung nicht. Sie überlässt das der Prüfung im Einzelfall. In der gesetzlichen Krankenversicherung werden beide Leistungen erbracht, solange sie notwendig, geeignet und wirtschaftlich sind. Wie die Kassen damit umgehen, lässt sich bundesweit nicht verlässlich sagen. Fragen Sie deshalb vor der Verordnung bei Ihrer eigenen Kasse nach.
Klar geregelt ist dagegen, wie es innerhalb des Funktionstrainings läuft. Trocken- und Wassergymnastik dürfen zur selben Zeit verordnet werden, wenn beide medizinisch notwendig sind. Sie sollen dann an verschiedenen Wochentagen stattfinden. Wenn Sie von der einen Leistung zur anderen wechseln möchten, brauchen Sie eine neue ärztliche Verordnung, weil es zwei verschiedene Leistungen sind.
Welche Gruppen bei uns wann laufen und ob Sie gerade einsteigen können, sehen Sie auf der Seite zum Funktionstraining in unserem Zentrum.