Auf der Verordnung steht eine Zahl, und meistens ist es die 50. Diese Zahl hat weder die Arztpraxis noch die Krankenkasse festgelegt. Sie steht in der Rahmenvereinbarung über den Rehabilitationssport und das Funktionstraining der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR). Diese Vereinbarung regelt bundesweit, in welchem Umfang es Rehabilitationssport als ergänzende Leistung nach § 64 Abs. 1 Nr. 3 SGB IX gibt. Maßgeblich ist die Fassung vom 1. Januar 2022. Sie hat die Vereinbarung von 2003 in der Fassung von 2011 abgelöst, und auch der Verband der Ersatzkassen führt sie als die geltende.
50 Übungseinheiten in 18 Monaten – der Regelfall
In der gesetzlichen Krankenversicherung umfasst der Rehabilitationssport in der Regel 50 Übungseinheiten, die Sie innerhalb von 18 Monaten nutzen können. So steht es in Ziffer 4.4.1. Beide Zahlen sind ausdrücklich Richtwerte. Die Vereinbarung stellt ihrem Kapitel über den Leistungsumfang einen Satz voran: Von den Angaben zum Umfang kann nach einer Prüfung im Einzelfall abgewichen werden, wenn der Einzelfall es erfordert. Bewilligt die Kasse weniger als 50 Einheiten, muss sie den Zeitraum von 18 Monaten angemessen verkürzen.
Wie lange Rehasport nötig ist, bemisst sich an der Anleitung. Er ist so lange erforderlich, wie Sie in den Übungsstunden die fachkundige Leitung der Übungsleiterin oder des Übungsleiters brauchen, um das Ziel der Maßnahme zu erreichen. Was die Kasse dabei übernimmt und was nicht, ist ein eigenes Thema. Die Zahlen dazu finden Sie unter Rehasport und Krankenkasse: Kosten und Kostenübernahme.
Die 50 Einheiten gelten für den häufigsten Fall, in dem die gesetzliche Krankenkasse die Kosten trägt. Zahlt die gesetzliche Rentenversicherung, übernimmt sie den Rehasport in der Regel bis zu sechs Monate, längstens bis zu zwölf Monate (Ziffer 4.2). In der gesetzlichen Unfallversicherung ist der Anspruch grundsätzlich zeitlich nicht begrenzt. Die Verordnung wird dort jeweils für ein halbes Jahr ausgestellt, in Ausnahmefällen für bis zu ein Jahr (Ziffern 4.3 und 14.4).
Wann es 120 Einheiten in 36 Monaten sind
Bei einer Reihe von Erkrankungen sieht die Rahmenvereinbarung einen erweiterten Umfang von insgesamt 120 Übungseinheiten in 36 Monaten vor. Die Begründung lautet, dass Beweglichkeit oder Selbstversorgung bei diesen Erkrankungen oft schwer beeinträchtigt sind und die Übungen deshalb aufwendiger ausfallen. Ziffer 4.4.1 nennt dafür 16 Punkte. Dazu gehören Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Morbus Bechterew (eine entzündlich-rheumatische Erkrankung vor allem der Wirbelsäule), Muskeldystrophie (Muskelschwund), Asthma bronchiale, COPD (eine chronische Lungenerkrankung), Mukoviszidose, Querschnittlähmung und schwere Lähmungen. Ebenfalls aufgeführt sind Folgen organischer Hirnschädigungen, etwa nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, außerdem Polyneuropathie (eine Erkrankung mehrerer Nerven), Nierenversagen mit Dialyse und Diabetes mellitus mit Folgeerkrankungen.
Die Aufzählung beginnt mit dem Wort „insbesondere“. Die Liste ist also nicht vollständig, auch andere Erkrankungen kommen in Frage. Auf dem Verordnungsformular gibt es dafür zusätzlich das Feld „andere vergleichbare Krankheit(en)“. Kreuzt die Ärztin oder der Arzt es an, muss sie oder er angeben, aus welcher Erkrankung und welcher schweren Beeinträchtigung sich der höhere Bedarf ergibt.
Daneben gibt es zwei weitere Sonderfälle. Beim Rehabilitationssport in Herzgruppen bei chronischen Herzkrankheiten umfasst die Leistung 90 Übungseinheiten in 24 Monaten, bei herzkranken Kindern und Jugendlichen 120 Übungseinheiten in 24 Monaten. Eine weitere Verordnung umfasst dort jeweils 45 Übungseinheiten in zwölf Monaten (Ziffer 4.4.2). Der zweite Sonderfall betrifft Menschen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen, also etwa Einschränkungen beim Denken, Lernen und Erinnern oder seelische Erkrankungen. Lassen diese es nicht oder noch nicht zu, dass jemand das Übungsprogramm auf Dauer eigenständig durchführt, ist nach einer Prüfung im Einzelfall eine längere Leistungsdauer möglich. Die erste und die weiteren Verordnungen sollen dabei zusammen in der Regel 120 Übungseinheiten in 36 Monaten nicht überschreiten (Ziffer 4.4.4).
Beim Funktionstraining wird anders gerechnet. Es wird in Monaten verordnet, nicht in Einheiten. In der Regel sind es zwölf Monate. Bei schweren Beeinträchtigungen durch chronisch entzündlich-rheumatische Erkrankungen, schwere Polyarthrosen, Kollagenosen, Fibromyalgie-Syndrome und Osteoporose sind es 24 Monate (Ziffer 4.4.3).
Wie oft pro Woche
Eine einzelne Verordnung umfasst im Allgemeinen bis zu zwei Übungsstunden je Woche, mit besonderer Begründung höchstens drei (Ziffer 14.3). Eine Übungsstunde soll grundsätzlich mindestens 45 Minuten dauern, beim Rehabilitationssport in Herzgruppen mindestens 60 Minuten (Ziffer 9.3).
Daran sieht man, dass die 18 Monate weniger großzügig sind, als sie wirken. Wenn Sie einmal pro Woche kommen, sind 50 Einheiten nach etwa 50 Wochen aufgebraucht, also nach knapp einem Jahr. Die restliche Zeit bleibt als Reserve für Urlaub, Krankheit, Feiertage und Schließzeiten der Übungsstätte. Wenn Sie zweimal pro Woche teilnehmen, sind die Einheiten nach gut einem halben Jahr verbraucht. Mehr Einheiten bekommen Sie durch den langen Zeitraum nicht, er setzt nur die Grenze, bis wann Sie sie nutzen können.
Der Rehasport findet in festen Gruppen statt. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer treffen sich zu einer bestimmten Zeit an einem festgelegten Ort, und die Leitung prüft und notiert in jeder Übungsstunde, wer da ist. Die Gruppe können Sie deshalb nur aus bestimmten Gründen wechseln, etwa wegen Schichtarbeit oder weil eine Gruppe für Ihren Gesundheitszustand nicht geeignet ist (Anlage 3). Welcher Wochentermin für Sie in Frage kommt, hängt vom Plan der Einrichtung ab. Hier finden Sie unsere Rehasport-Gruppen in Berlin-Hellersdorf.
Versäumte Termine
Eine bundeseinheitliche Regel für Fehlzeiten gibt es nicht. In der Rahmenvereinbarung steht keine Quote, keine erlaubte Zahl von Fehlterminen und keine Grenze, ab der eine Verordnung automatisch verfällt. Nennt Ihnen jemand eine solche Zahl, stammt sie von der Kasse, aus dem jeweiligen Vertrag auf Landesebene oder von der Einrichtung, aber nicht aus der Rahmenvereinbarung.
Die Rahmenvereinbarung regelt aber zwei Punkte, die sich deutlich auswirken. Der erste ist Ziffer 15.2. Nimmt jemand an den Übungsstunden, die für einen bestimmten Zeitraum bewilligt sind, nicht teil, dürfen diese grundsätzlich nicht auf einen späteren Zeitraum übertragen werden. Versäumte Einheiten sind damit verbraucht, und der Bewilligungszeitraum verlängert sich nicht. Das gilt ausdrücklich auch, wenn eine Übungsstätte wie eine Sporthalle oder ein Bad vorübergehend geschlossen ist. Die Maßnahme endet dadurch nicht vorzeitig, und die Leistungsdauer verlängert sich auch nicht.
Der zweite Punkt ist die Gemeinsame Erklärung zur regelmäßigen Teilnahme in Anlage 2. Danach sollen Unterbrechungen auf begründete Ausnahmen beschränkt bleiben. Genannt sind Urlaubsreisen, ein Aufenthalt im Krankenhaus oder in einer Rehabilitationsklinik und Arbeitsunfähigkeit. Unterbrechen Sie ohne triftigen Grund, darf die Einrichtung den Rehabilitationssport abbrechen und die bis dahin geleisteten Stunden abrechnen. Dabei muss sie Ihre Lebensumstände berücksichtigen. Die Vereinbarung zählt dazu wichtige ärztliche Diagnosen, die Pflege von Angehörigen und die Krankheit eines Kindes. Einen Abbruch muss die Einrichtung dem Rehabilitationsträger gesondert melden.
Für Sie heißt das: Es kommt auf den Grund an, warum Sie fehlen, und die Einrichtung muss ihn kennen. Ihre Teilnahme wird ohnehin festgehalten. In der Regel bestätigen Sie jede Übungsstunde mit Ihrer Unterschrift, andere Verfahren können vertraglich vereinbart werden (Ziffer 17.2).
Folgeverordnung
Sind die Einheiten aufgebraucht, ist eine weitere Verordnung möglich, sie kommt aber nicht automatisch. Auf dem Formular Muster 56 kreuzt die Praxis die Folgeverordnung an. Im Freitextfeld muss sie begründen, warum Sie die gelernten Übungen noch nicht allein und in eigener Verantwortung durchführen können. So steht es in den Vordruckerläuterungen zu Muster 56 und in Ziffer 14.2 der Rahmenvereinbarung. Dahinter steht das erklärte Ziel der Leistung, die Hilfe zur Selbsthilfe. Am Ende sollen Sie ein passendes Übungsprogramm selbstständig weiterführen können.
Auch die Folgeverordnung muss die Kasse genehmigen, und zwar vor Beginn (Ziffer 15.1). Wie das Formular aufgebaut ist und wer welches Feld ausfüllt, lesen Sie unter Rehasport-Verordnung: Formular 56 richtig ausfüllen.
Für die Krankenversicherung nennt die Rahmenvereinbarung keine Frist, bis wann Sie nach dem Ausstellungsdatum mit dem Rehasport begonnen haben müssen. In den Vordruckerläuterungen zu Muster 56 steht ebenfalls keine. Geregelt ist nur der Fall, dass Sie im Anschluss an eine Reha der Rentenversicherung beginnen. Dann übernimmt die Rentenversicherung den Rehabilitationssport, wenn er innerhalb von drei Monaten nach dem Ende der medizinischen Rehabilitation beginnt (Ziffer 1.2). Einzelne Kassen haben trotzdem eigene Fristen für das Einreichen oder den Beginn. Klären Sie das mit Ihrer Kasse, bevor die Verordnung mehrere Wochen liegen bleibt.
Wer legt was fest
Die Rahmenvereinbarung setzt mit ihren Richtwerten den Rahmen. Über den Einzelfall entscheidet die Krankenkasse. Sie genehmigt vor Beginn und darf nach einer Prüfung im Einzelfall vom Richtwert abweichen. Vergütung und Abrechnung regeln die Bundes- und Landesorganisationen der Träger von Rehabilitationssportgruppen in Verträgen mit den Rehabilitationsträgern (Ziffer 16.1). Die Einrichtung legt Gruppen und Zeiten fest, prüft die Anwesenheit und meldet einen Abbruch an den Rehabilitationsträger. Wenn Sie zum Rehasport unterschiedliche Auskünfte bekommen, liegt das fast immer daran, dass sich die eine auf die Vereinbarung, die andere auf die Kasse und die dritte auf die Einrichtung bezieht.