Die Ausbildung zur Physiotherapeutin oder zum Physiotherapeuten ist bundesweit einheitlich geregelt, die Schulen gibt es aber vor Ort, in Berlin sind es neun. Wie lange die Ausbildung dauert, welchen Abschluss du mitbringen musst und wie viele Stunden Unterricht und Praxis dazugehören, steht im Masseur- und Physiotherapeutengesetz und in der zugehörigen Prüfungsverordnung. Beide sind öffentlich einsehbar, und in einigen Punkten weichen sie von dem ab, was viele Übersichtsseiten schreiben.
Drei Jahre, 4.500 Stunden: was das Gesetz festlegt
§ 9 des Masseur- und Physiotherapeutengesetzes (MPhG, Fassung vom 26. Mai 1994, zuletzt geändert durch Gesetz vom 12. Dezember 2023) regelt das in wenigen Sätzen. Die Ausbildung dauert drei Jahre, besteht aus theoretischem und praktischem Unterricht sowie einer praktischen Ausbildung, wird an staatlich anerkannten Schulen vermittelt und schließt mit der staatlichen Prüfung ab. Schulen, die nicht an ein Krankenhaus angebunden sind, müssen die praktische Ausbildung per Vertrag mit Kliniken oder anderen geeigneten medizinischen Einrichtungen sicherstellen.
Wie viele Stunden das sind, regelt § 1 Absatz 1 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten (PhysTh-APrV, zuletzt geändert am 7. Juni 2023). Vorgeschrieben sind mindestens 2.900 Stunden theoretischer und praktischer Unterricht und 1.600 Stunden praktische Ausbildung. Die praktische Ausbildung findet nach § 1 Absatz 3 am Patienten statt.
Welchen Schulabschluss du brauchst
§ 10 MPhG verlangt die gesundheitliche Eignung für den Beruf und einen von vier Bildungsnachweisen. Das kann der Realschulabschluss sein, eine als gleichwertig anerkannte Ausbildung, eine andere abgeschlossene zehnjährige Schulbildung, die den Hauptschulabschluss erweitert, oder eine nach dem Hauptschulabschluss abgeschlossene Berufsausbildung von mindestens zweijähriger Dauer. Ein Abitur verlangt das Gesetz nicht.
Die Schulen dürfen bei der Auswahl strenger sein, und manche sind es auch. Der Berliner Bildungscampus etwa erwartet nach eigenen Angaben einen guten mittleren Schulabschluss oder das Abitur. Das Gesetz legt also die Untergrenze fest, über den Platz entscheidet die Schule.
Wer bereits als Masseurin oder Masseur und medizinische Bademeisterin oder medizinischer Bademeister geprüft ist, kann die Ausbildung nach § 12 MPhG auf 18 Monate verkürzen. Wer eine mindestens zweijährige Ausbildung als Turn- und Sportlehrer oder als Gymnastiklehrer an einer staatlich anerkannten Lehranstalt abgeschlossen hat, bekommt auf Antrag sechs Monate angerechnet.
Die neun Berliner Schulen
Maßgeblich ist das Verzeichnis der staatlich anerkannten Ausbildungsstätten, das das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) führt. Mit Stand Mai 2024 stehen dort neun Schulen:
- Akademie der Gesundheit Berlin/Brandenburg e. V., Campus Buch – laut Verzeichnis auch mit verkürzter Ausbildung
- BBG Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe gGmbH, Schule für Physiotherapie
- Euro Akademie Berlin, Fachbereich Physiotherapie
- Medizinische Akademie am Unfallkrankenhaus Berlin
- Ludwig-Fresenius-Schulen Berlin GmbH, Schule für Physiotherapie
- REHA-Akademie Berlin
- Spektrum Akademie für Physiotherapie GmbH
- Lehrakademie für Physiotherapie Berlin
- Wannseeschulen für Gesundheitsberufe
Bei zwei Suchbegriffen landet man leicht an der falschen Stelle. Wer nach einer Ausbildung bei Vivantes sucht, findet keine Vivantes-Schule. Die Ausbildung läuft am BBG Berliner Bildungscampus für Gesundheitsberufe, den Vivantes – Netzwerk für Gesundheit und die Charité – Universitätsmedizin Berlin gemeinsam tragen. Nach Angaben des Bildungscampus beginnt die Ausbildung jedes Jahr am 1. Oktober, und beworben wird im Januar und Februar desselben Jahres.
Der zweite Begriff ist Buch. Dort hat die Akademie der Gesundheit Berlin/Brandenburg ihren Campus in der Schwanebecker Chaussee. Nach Angaben der Akademie beginnt die Ausbildung am 1. Oktober, Bewerbungen nimmt sie vom 1. Juni bis zum 28. Februar an, und verlangt wird der Realschulabschluss oder ein als gleichwertig anerkannter Abschluss. Der Name des Trägers erklärt auch, warum die Suche nach Berlin und Brandenburg oft hierher führt, denn die Akademie hat Standorte in beiden Ländern. Das LAGeSo-Verzeichnis listet allerdings nur die Berliner Ausbildungsstätten, Schulen im Land Brandenburg stehen dort nicht.
Schulgeld oder Vergütung
Eine bundesgesetzliche Ausbildungsvergütung gibt es in der Physiotherapie nicht, das MPhG regelt sie nicht. Oft werden dabei zwei Fragen vermischt, die unterschiedlich zu beantworten sind. Schulgeld fällt in Berlin seit dem 1. Januar 2022 nicht mehr an. Das Gesetz über die Förderung von Gesundheitsfachberufsausbildungen nennt die Physiotherapie ausdrücklich und zahlt die Förderung nur an Schulen, die vollständig auf Schulgeld verzichten. Eine Vergütung folgt daraus aber nicht - ob du eine bekommst, hängt weiter am Träger. Die Wannseeschulen bezeichnen ihre Ausbildung als kostenfrei und nennen für die drei Jahre 1.434,30, 1.525,87 und 1.647,92 Euro monatlich. Die Akademie der Gesundheit gibt für den Campus Buch 1.270, 1.330 und 1.430 Euro brutto an. Der Bildungscampus nennt keine Summe und verweist auf den Ausbildungsvertrag und den jeweiligen Ausbildungsträger. Alle drei Angaben stammen von den Schulen selbst und wurden im Juli 2026 abgerufen. Was an Schulgeld, Prüfungs- und Materialkosten zusammenkommt, liest du ausführlich in unserem Beitrag zu den Kosten der Physiotherapie-Ausbildung in Berlin.
Wie die drei Jahre aufgebaut sind
Anlage 1 der PhysTh-APrV verteilt die 2.900 Unterrichtsstunden auf zwanzig Fächer. Die größten Blöcke sind die methodische Anwendung der Physiotherapie in den medizinischen Fachgebieten mit 700 Stunden, die krankengymnastischen Behandlungstechniken mit 500 Stunden und die spezielle Krankheitslehre mit 360 Stunden. Danach kommen Anatomie mit 240, Massagetherapie mit 150 und Physiologie mit 140 Stunden. Kleiner sind Bewegungserziehung (120), Befund- und Untersuchungstechniken (100), Bewegungslehre und Psychologie/Pädagogik/Soziologie (je 60). 100 Stunden können frei auf alle Fächer verteilt werden.
Auch die 1.600 Stunden praktische Ausbildung sind vorgegeben: je 240 Stunden in Chirurgie, Innerer Medizin, Orthopädie und Neurologie, 160 Stunden Pädiatrie, je 80 Stunden Psychiatrie und Gynäkologie, 240 Stunden zur Verteilung auf diese Fachgebiete und 80 Stunden in sonstigen Einrichtungen und für Exkursionen. Du lernst also die Klinik in ihrer ganzen Breite kennen, bevor du dich später spezialisierst.
Die staatliche Prüfung
Nach § 2 Absatz 2 PhysTh-APrV legst du die Prüfung an der Schule ab, an der du die Ausbildung abschließt. Die Prüfung soll frühestens zwei Monate vor dem Ende der Ausbildung beginnen. Sie hat drei Teile.
Der schriftliche Teil nach § 12 umfasst vier Aufsichtsarbeiten an zwei Tagen. Geschrieben werden Berufs-, Gesetzes- und Staatskunde zusammen mit Psychologie, Pädagogik und Soziologie (45 Minuten), angewandte Physik, Biomechanik, Trainings- und Bewegungslehre (90 Minuten), Prävention, Rehabilitation und methodische Anwendung in den medizinischen Fachgebieten (180 Minuten) sowie spezielle Krankheitslehre (90 Minuten). Bestanden hast du diesen Teil erst, wenn jede der vier Arbeiten mindestens mit ausreichend benotet ist.
Mündlich geprüft werden nach § 13 die Fächer Anatomie, Physiologie und spezielle Krankheitslehre, einzeln oder in Gruppen bis zu fünf Personen. In Anatomie und Krankheitslehre dauert die Prüfung je höchstens dreißig Minuten, in Physiologie höchstens fünfzehn. Im praktischen Teil nach § 14 führst du unter anderem mindestens drei krankengymnastische Behandlungstechniken am Probanden aus und erklärst sie, leitest eine Gruppenbehandlung mit mindestens sechs Teilnehmenden diagnosebezogen an und erstellst an zwei Patienten aus unterschiedlichen Fachgebieten je einen Befund samt Therapieplan, nach dem du dann behandelst.
Nach der Prüfung
Mit der bestandenen Prüfung allein darfst du den Beruf noch nicht ausüben. Wer die Berufsbezeichnung führen will, braucht nach § 1 MPhG eine Erlaubnis. Sie wird auf Antrag vom Referat IV H des LAGeSo erteilt. Danach beginnt die Arbeit am Patienten, in der Klinik oder ambulant, etwa als Berufseinstieg in einer Praxis in Hellersdorf. Womit du im ersten Berufsjahr rechnen kannst, liest du im Beitrag zum Gehalt als Physiotherapeut in Berlin.
Studieren kannst du Physiotherapie in Berlin zurzeit nicht. Die Alice Salomon Hochschule Berlin bot den primärqualifizierenden Bachelor Physiotherapie/Ergotherapie an, mit sieben Semestern, 210 ECTS, der staatlichen Prüfung im sechsten Semester und danach Berufserlaubnis und akademischem Grad. Auf ihrer Profilseite teilt die Hochschule mit, dass sie wegen des Auslaufens der Modellklausel keine Bewerbungen mehr annimmt. Zuletzt aufgenommen hat sie zum Wintersemester 2024/25. Der gesetzliche Hintergrund steht in § 19 MPhG. § 9 Absatz 2 bis 4, die Grundlage der Modellstudiengänge, ist am 31. Dezember 2024 außer Kraft getreten. Seit dem 1. Januar 2025 erlaubt § 18a MPhG den Ländern, die Ausbildung an Hochschulen durchführen zu lassen. Ob und wann Berlin davon Gebrauch macht, ist offen.
Eine Reform des Berufsgesetzes ist seit Jahren angekündigt. Nach einer Meldung des Deutschen Bundestages vom 5. Januar 2023 sah das Konzept der Bundesregierung zwei eigenständige Zugänge vor, einen berufsfachschulischen und einen hochschulischen mit erweiterten Kompetenzen, eine Vollakademisierung war nicht geplant. Verabschiedet wurde davon bisher nichts. Die amtliche Fassung des MPhG nennt als jüngste Änderung ein Gesetz vom 12. Dezember 2023, dessen Neuregelung zum 1. Januar 2025 in Kraft trat. Wer sich 2026 bewirbt, bewirbt sich auf die dreijährige schulische Ausbildung nach geltendem Recht.
Nach dem Examen geht es meist um die ersten Zertifikate. Wie lange Manuelle Therapie, Lymphdrainage, KG-Gerät und KG-ZNS dauern und was sie kosten, steht in der Übersicht zur Fortbildung in der Physiotherapie. Was du im Beruf verdienst, liest du im Beitrag zum Gehalt in Berlin.
Nach dem Examen suchen viele eine erste Stelle, auf der sie Praxis und Gruppenarbeit kennenlernen. Aequilibrium in Berlin-Hellersdorf stellt Physiotherapeut:innen mit staatlicher Anerkennung ein, für 22 bis 24 Euro pro Stunde je nach Qualifikation. Zur Stellenanzeige.